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Satz mit X - die ersten MTV Game Awards

Dass der “Musikfernsehsender” MTV Central nun endlich auch einen Game Award neben seinen vielen Award-Shows wie den MTV Music Awards, den MTV Movie Awards und den MTV Video Music Awards ins Leben gerufen hat, ist ja an sich ein netter Gedanke. Man hätte schließlich meinen können, dies sei ein lobenswerter Beitrag zum oftmals gewagten Unterfangen, Computer- und Videospiele weiter in die Mitte der Gesellschaft zu transportieren. Leider verfestigte sich während der Ausstrahlung im Fernsehen schnell der Eindruck, die ersten MTV Game Awards im eWerk zu Berlin seien als eine einzige Farce konzipiert.

Zunächst einmal das Offensichtliche: Jeder von uns hat sicher schon einmal eine der oben genannten Award-Shows gesehen - ob beabsichtigt oder nicht. Und so kennt auch jeder von uns die riesigen, beeindruckend ausgeleuchteten Hallen, ach was Arenen, in denen solche Veranstaltungen stattfinden. Die höchst prominenten Gäste sitzen auf Logen, Rängen und Parkett um die Bühne (mit Laufsteg!) herum gruppiert und sehen dabei alle todschick aus. Kurz: MTV weiß, wie man die Feste zu feiern hat und einen gewissen Glamour kann man dem ganzen Spektakel nicht absprechen - die Shows werden zu absoluten Mega-Events stilisiert (man erinnere sich nur an den fürchterlich skandalösen Kuss zwischen Britney Spears und Madonna bei den Video Music Awards 2003). Vergleicht man solches mit den brandneuen Game Awards, muss einem als passionierte Spieler eigentlich das Lachen im Halse stecken bleiben: das Berliner eWerk scheint kaum größer als eine mittelgroße Schulsporthalle, alles ist irgendwie merkwürdig grün beleuchtet und die Gäste müssen stehen. Aufgetakelte Promis sieht man nirgendwo, stattdessen gibt es durchgeknallte Teenies, die kreischen und johlen, sobald Sido die Bühne betritt.

Womit wir beim nächsten Kritikpunkt wären: Was zum Teufel hat MTV sich bloß bei der Auswahl der Moderatoren, der Laudatoren und dem obligatorischen Bespaßungsprogramm für zwischendurch gedacht? Genau: Nichts. Warum mussten ausgerechnet zwei dieser nichtssagenden Standard-MTV-Visagen (namens Joko und Hadnet) durch den Abend führen? Hätte man die ganze Geschichte ernst gemeint, hätte man MTV-Anchorman Markus Kavka auf die Bühne stellen können. Immerhin kann der seriös und witzig sein, wenn er denn nur will. Die einfachste und vielleicht auch beste Variante wäre doch aber gewesen, Simon und Budi die Moderation zu überlassen, die ohnehin MTVs eigene Games-Sendung Game One bestreiten. Die beiden sind ein gutes Duo und man hätte außerdem wenigstens ein bisschen Fachkompetenz am Start gehabt. Im Gegensatz zu einigen anderen anwesenden Gestalten haben die nämlich schonmal ein Gamepad in der Hand gehabt.

Die Laudatoren… oh Mann… ach, wir machen es kurz. Hier die Liste, der Rest erklärt sich dann von selbst: Jade Raymond (Fame of Assassin’s Creed) die Rapper B-Tight und Curse, die Vulgär-Hiphop-Combo K.I.Z, Steffi Kloß (Silbermond), Violinist David Garrett, Simon & Budi von MTV Game One, Stefan Raabs ewiger Praktikant Elton, die Donots (die gibt’s noch?), und Nachwuchsmentalist Farid. Man sieht, im Schnitt waren eigentlich nur Rapper und Idioten oder beides auf der Bühne. Die einzigen, die da oben was zu suchen hatten, waren Jade Raymond (auf deren Anwesenheit und Attraktivität natürlich andauernd rumgeritten werden musste) und Simon und Budi. Ergebnis war so jedoch, dass Videospiellegenden wie Metal Gear-Erfinder Hideo Kojima verprellt wurden, indem seine Laudatoren von K.I.Z nicht einmal seinen Namen aussprechen konnten, dass man stellenweise nicht wusste, welches Spiel jetzt eigentlich wofür den Preis gewonnen hat (Metal Gear Solid 4) usw. usw.

Dabei hätte die Sendung doch so viel Potenzial gehabt. Schließlich war die Vorauswahl der nominierten Spiele gar nicht mal so schlecht, hierzu hatte man nämlich eigens ein ganz solides Gremium aus Spiele-Redakteuren, Medienwissenschaftlern und Gamern einberufen. Warum man solche Leute dann nicht auch bei der Show eine größere Rollen spielen ließ, ist mir schleierhaft. Leute wie Prof. Dr. Müller-Lietzkow von der Uni Paderborn oder Yve Fehring von neues sind nur zwei Beispiele dafür, dass Fachkompetenz, Medienaffinität und Humor sich nicht ausschließen müssen. Dass durch ein Online-Voting der Gewinner viele Auszeichnungen dann nach hinten losgingen, war jedenfalls abzusehen: der Hintergrund- und Gesichtslose Altair aus Assassin’s Creed als beste Hauptfigur? Naja (Xbox 360-Fanboys, I’m looking at you).

Merkwürdigerweise bewies ausgerechnet MTV selbst, dass es auch anders geht: Am Nachmittag vor der großen Show wurden mehrere Access All Areas-Spezialsendungen (die man unter dem Link teilweise auch noch einmal ansehen kann) zu verschiedenen Themen rund um Videospiele ausgestrahlt. Diese waren redaktionell okay, mit meist schönen Spielausschnitten aufbereitet und bis auf einige Totalausfälle wie diese beknackte junge “Komikerin”, die neuerdings überall auftaucht und deren Namen ich gerade nicht weiß, auch anständig moderiert. Sogar Rapper B-Tight kam hier ganz witzig und teilweise erstaunlich kompetent rüber, wenngleich in den begrifflichen Kategorien nicht immer hundertprozentig sauber. Auch die regelmäßige Sendung Game One zeigt schließlich, dass Videospiele im deutschen Fernsehen auch außerhalb des Spartensenders Giga funktionieren können. Leider war dies im Kontext des “großen” Spektakels nicht der Fall, sodass das Medium Videospiel - zumindest im deutschen Privatfernsehen - nach wie vor nur der missratene kleine Bruder vom Musik und Film bleibt. Es bleibt zu hoffen, dass MTV - oder ein anderer Sender - die Sache in Zukunft besser macht.

MTV Game Awards 2008
21.11.2008 - eWerk, Berlin

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