Chase the Dragon - “Replacing Space” (EP)
Vor ein paar Wochen kam ich nach Hause und holte die Post auf dem Briefkasten. Zwischen all der Werbung war ein großer, brauner Umschlag. Da ich keine Post erwartete, wunderte ich mich ein wenig. Mein Name stand drauf. Und ein Aufkleber: “Chase the Dragon - Replacing Space”.
Vollends verwirrt machte ich den Umschlag auf und konnte es kaum fassen: unser erstes Promo-Item! Es handelte sich um die EP “Replacing Space” von Chase the Dragon. Das sind zwei junge Männer namens Robin und Mathias aus Magdeburg, entnehme ich dem beigelegten Brief. Mit Akustikgitarre, Synthesizer und zartem Gesang spielen sie verträumten Indiepop mit großem Gefühl. Leider steht da noch mehr: Vollmundig prahlt dort jemand mit drei Deutschland-Touren, einer Schweden-Tour, Konzerten mit kleinen Größen wie Kevin Devine, Boy Omega und ampl:tude (auch noch falsch geschrieben, aber wir wollen nicht kleinlich sein). Die Krönung ist jedoch folgender Satz:
“Wo wir sind, lieben die Menschen unseren Tiefgang-Pop und so darf bald noch viel mehr zu erwarten sein…”
Hm. Wir lieben also den “Tiefgang-Pop” von Chase the Dragon. Mal ehrlich: So einen Satz können sich vielleicht Coldplay erlauben - und selbst die hielte man dann für arrogante Spinner. Ein bisschen mehr Understatement wäre jedenfalls wünschenswert gewesen, wenn man nicht gerade The Hives ist. Das gilt insbesondere, wenn man Musik macht, wie Chase the Dragon sie machen.
Wenn man die EP hört denkt man an zwei schüchterne, dünne Jungs mit engen T-Shirts, kalte Tage und vielleicht sogar Spekulatius. Die Produktion ist - im Gegensatz zum Promo-Material - sympathisch zurückhaltend. Alles in allem also gar nicht mal so schlecht. Auf der EP sind ingesamt fünf Stücke und jedes davon kann man ruhigen Gewissens als Ballade bezeichnen. Maximilian Hecker (gibt’s den noch?) kommt einem in den Sinn. Allerdings mit etwas weniger Schmalz. Auch Richard Ashcroft, aber mit weniger Pomp. Das klingt alles sehr sehr klassisch: Akustikgitarre und Klavierklänge eben. Die Gesangstimme schwankt stets zwischen sanftem, eigentlich angenehmen Gesang und hoher, fragiler Kopfstimme. Diese gerät hin und wieder mal ein wenig ins Leiern, was auf Dauer etwas nervt.
Dennoch ist auf “Replacing Space” viel Potenzial vorhanden, vor allem in den Arrangements und der Produktion. Dass die beiden noch immer kein Label haben, ist fast etwas verwunderlich. Lange dürfte es allerdings nicht mehr dauern, Lorbeeren gab es schließlich schon genug - unter anderem im PR-verseuchten Coca-Cola-Teil des Intros #165. Dennoch drängt sich irgendwie der Eindruck auf, Robin und Mathias versuchen mit dem ganzen drumherum möglichst hoch zu punkten, um vom eigentlichen Produkt, nämlich der EP abzulenken. Diese trifft zwar nich hunderprozentig meinen Geschmack, braucht sich aber keinesfalls hinter aufwändigem Promo-Material, Aufklebern zur Bestechung der Redaktion und einem Info-Blatt, das leicht über das Ziel hinausschießt, zu verstecken.
Chase the Dragon
“Replacing Space” (EP)
ungesigned, 01.06.2008







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