seattle - eine liebe zur musik.

Zuhause bei Franz Mehlhose - The Black Atlantic und Pretty Mery K in Erfurt

Seit langer Zeit sind wir einmal wieder in Erfurt zu Gast. Das Franz Mehlhose lädt ein, zu Kultur aller Art und heute Abend nun zu einem Konzert der niederländischen Band The Black Atlantic. Nachdem Felix die Band bereits im September in Hamburg sah und von deren Auftritt sehr angetan war,  wollten wir uns diesen Abend natürlich nicht entgehen lassen, zumal interessante Konzerte in letzter Zeit rar sind in Jena und umzu.

Das Franz Mehlhose empfängt uns unweit des Erfurter Bahnhofs mit heimeliger Atmosphäre. Noch ist es wenig gefüllt und ohne weiteres können wir uns erst einmal orientieren, natürlich nicht ohne vorher ein gekühltes, regionales Bier zu erwerben. Ein großer Raum, Garderobenständer mit Selbstbedienung im Eingangsbereich, hinten links die kleine Bar, daneben die Toi-Tür, rechts um die Ecke die Bühne und nochmal scharf rechts ein gemütlicher Sitzbereich. Alte Stehlampen aus DDR-Zeiten mit verschiedenfarbigen Glühbirnen und ein brennender Kamin verstärken die Wohnzimmeratmosphäre.

Nach dem ersten Bier geht es dann gegen 22 Uhr los mit Pretty Mery K aus Dresden/Hamburg. Sowohl ruhige Stücke mit Akustikgitarre, als auch flotter Indierock passen zu der klaren Stimme von Frontfrau Meryem Kilic. Eine sympatische Band, der wir gerne zuhören und die sich sichtlich wohlfühlt.

Nach ca. 40-minütigem Auftritt der Vorband und kurzer Umbaupause hat sich das Franz Mehlhose sichtlich gefüllt und es wird schwieriger, sich das nächste Getränk zu organisieren. Zugegen sind einige bekannte nette Gesichter aus Erfurt, Weimar und, wie wir später im Zug zurück feststellen, auch Jena.

Als The Black Atlantic den ersten Ton anstimmen, entsteht auf Anhieb eine gespenstische Stille im Publikumsraum von der Bühne bis zur Bar. Sänger Geert von der Velde ist davon ebenso verblüfft wie das Publikum selbst und freut sich über das Geräusch seiner knackenden Zehen. Bereits beim ersten Lied werden wir von dem ruhigen mehrstimmigen Gesang in den Bann gezogen. Tausende von roten und grünen Laserpunkten tanzen dazu auf den Haaren, Schultern und Beuteln der Besucher. Die klare Stimme von Geert von der Velde hört sich genauso an wie von der Platte und im Nachhinein scheint es mir fast so, als ob sich die Bandmitglieder dazu nur in Zeitlupe auf der Bühne bewegt hätten - soviel Andacht strahlt das Set der vier Niederländer aus. Gespielt werden das ganze Debütalbum plus ein Solo von van der Velde und ein neues Liedes. Auch die energischen, kraftvollen Stücke gelingen der tollen Band optimal, sodass wir uns um halb Eins mit einem rundum gutem Gefühl auf den Weg nach Hause machen und uns fest vornehmen, von nun an Erfurt wieder öfter einen Besuch abzustatten.

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Unpraktikabel - Der gescheiterte Jugendmedien-Staatsschutzvertrag

Ursprüglich sollten die Neuerungen des Jugendmedien-Staatsvertrag (JMStV) zum 1. Januar 2011 in Kraft treten. Von der Netzwelt mit Empörung und dem Vorwurf der Inpraktikabilität aufgenommen, sollte es ein Versuch der Politik sein, Kinder und Jugendliche vor Schockierendem im Internet und anderen elektronischen Medien zu schützen. Es handelt sich bei dem JMStV nicht um ein Bundesgesetz (im Gegensatz zum Jugendschutzgesetz, als dessen Ergänzung der Vertrag dienen soll), sondern er ist Ländersache und bedarf daher der Zustimmung aller Bundesländer.

Nun sprach sich der Landtag von Nordrhein-Westfalen am 16. Dezember 2010 zur Erleichterung Vieler aus verschiedenen Gründen jedoch einstimmig gegen den Staatsvertrag aus. Angeführt wurden Gründe wie Unpraktikabilität, Rechtsunsicherheit durch unbestimmte Rechtsbegriffe, aber auch Einschränkung der Meinungsvielfalt. Die Neuerugen sind somit gegenstandslos und es muss neu ausgehandelt werden, wie ein sinnvoller Schutz aussehen könnte.

Erfasst werden vom JMStV grundsätzlich alle elektronischen Informations- und Kommunikationsmedien, insbesondere also Fernsehen, Radio und Onlineangebote. Für uns als Betreiber dieses Blogs spielten die Neuerungen im Bezug auf das Internet eine Rolle, die auch in der Öffentlichkeit heftig diskutiert wurden.

Grundsätzlich sind alle Anbieter, die ihren Sitz in Deutschland haben oder ihre Inhalte dort anbieten, betroffen. Dabei ist es völlig gleichgültig, ob es sich um den kleinen privaten Blogger, wie wir es sind, handelt oder kommerzielle Anbieter, die täglich Millionen Nutzer haben. Ausschließlich Nachrichtenangebote, an denen ein berechtigtes Interesse besteht, sind davon ausgenommen. Die Definition des Begriffs “berechtigtes Interesse” bleibt jedoch offen.

Speziell für das Internet enthielt der Vertrag eine Neuerung in § 5 JMStV. Angebote, die entwicklungsbeeinträchtigend für Kinder und Jugendliche wirken könnten, müssen durch technische oder sonstige Maßnahmen gesichert oder nur zu bestimmten Zeiten zugänglich sein. Als Ergänzung hierzu sollte in den neuen JMStV aufgenommen, dass die Inhalte der Seiten auch alternativ nach Altersstufen zu klassifizieren sein könnten. Eigentlich sollte diese Klassifizierung durch geeignete Jugendschutzsoftware, welche von Internetzugangsanbietern angeboten wird, vorgenommen werden. Technische Details wurden allerdings genauso wie der Begriff “entwicklungsbeeinträchtigend” nicht definiert.

Für die vielen kleinen Hobby-Blogbetreiber wie uns hätte das jede Menge Arbeit und eventuell Kosten aufgrund von eventueller Abmahnungen einerseits und Benennung eines Jugenschutzbeauftragten oder ähnlichem andererseits bedeutet. Die Mitgliedschaft in der Freiwilligen Selbstkontrolle Multimedia-Diensteanbieter (FSM) z. B. beträgt mindestens 4000 Euro. Dies hätte wiederum dazu geführt, dass sich viele Anbieter eventuell gegen das Weiterbetreiben entschieden hätten und somit die Meinungsvielfalt und auch -freiheit im Internet verloren ginge. Und natürlich hätte sich die Frage gestellt: Wie überhaupt entscheiden, welche Altersstufe für das eigene Angebot passend ist?

Diese Unpraktikabilität und der hinzutretende Fakt, dass der Schutz der Kinder nach wie vor eigentlich davon abhängt, welche Schutzprogramme die Eltern auf dem heimischen PC installiert haben und dass dieser Schutz auch nicht durch die geplanten Neuerungen des Staatsvertrags konkretisiert werden konnte, führten zu der Forderung, mehr Aufklärungsarbeit bei Eltern zu leisten anstatt sich hinter Gesetzen zu verstecken.

Die Ablehnung des neuen JMStV ist blamabel für die Staatskanzleien und Ministerpräsidenten der Länder, für die die Unterzeichnung des realistätsfremden Vertrags eigentlich nur noch Formsache war. Erleichternd jedoch für viele (auch uns), die zwei Wochen vor einem eventuellen Inkrafttreten noch keine Ahnung hatten, wie sie die Kennzeichnungpflicht des JMStV umsetzen sollten.

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Par Avion - Iceland Airwaves 2010

Wir sind in Reykjavík. Downtown. Wir haben es geschafft. Nach einigem Hin und Her, Mehr-oder-weniger-Katastrophen und einem Flug von nicht einmal vier Stunden sind wir in Island angekommen. Endlich.

Wir werden mit einem kleinen roten Auto umherfahren, Vulkane, Geysire und Wasserfälle sehen, bei 8 °C Lufttemperatur im Hot Pot sitzen, Elfenkirchen bestaunen, an dem Punkt wo Jules Vernes „Die Reise zum Mittelpunkt der Erde“ beginnt, einfach vorüberfahren, in unmittelbarer Nähe zum Eyjafjallajökull schlafen,  völlig  verschrumpelt von der hohen Salzkonzentration in der blauen Lagune baden, unter mannigfarbigen Regenbögen hindurchfahren, und die ganze Zeit versuchen, durch siebenmaliges Hinsehen die unglaubliche Natur wenigstens etwas in unserer Erinnerung festzuhalten.

Gletscher am Jokulsárlón

Und wir werden Iceland Airwaves besuchen. Tatsächlich. Laut Rolling Stone “The hippest long weekend on the annual music-festival calendar”. Und wir sind hier. Für fünf Tage werden die Clubs, Museen, Bars, Kinos, Plattenläden und Schwimmbäder Reykjavíks unser Zuhause sein. Hinzukommen sämtliche Hostels, Bücherläden und sonstwie noch nicht mit dem regulären Programm belegte Kinos und Bars als Off-Venue-Lokalitäten.

Iceland Airwaves gibt es seit 1999. Ursprünglich am Stadtflughafen von Reykjavík beheimatet, findet es nun in Reykjavíks Innenstadt und umzu statt. Seit 2007 in allen Folgejahren ausverkauft, ist Iceland Airwaves trotz Hipster-Charakter ein herrlich gemütliches und stressfreies Festival.

Geschlafen wird in einem der Hostels oder anderen Gästehäuser in der Stadt, gegessen in den befreundeten Imbissen oder Restaurants des Festivals (mit Rabatt versteht sich) und getrunken entweder gar nicht (aufgrund des Alkoholpreises) oder ausgiebig in den Clubs und Bars bis die Kreditkarte brennt (das Phänomen der reservierten und anständigen Skandinavier, die sich bei gegebener Gelegenheit komplett die Kante geben, wird auch in Island bestätigt).

Das, was Iceland Airwaves ausmacht, sind die kurzen Wege, musikalische Neuentdeckungen und Bestätigungen, bezaubernde Isländer, die sich alle Mühe geben, ein unvergessliches Wochenende zu gestalten, teures Bier und das Gefühl einer Art Wochenendfamilie anzugehören. Bei Konzerten neben Künstlern einer anderen Band im Publikum zu stehen, kein schlechtes Gewissen zu haben, weil es sich bei allen Bands lohnt sie anzuhören, Ampel-Smileys und ein heiß ersehntes Frittierauto, das mitten in der Nacht einfach da steht und auch noch die Möglichkeit der Kreditkartenzahlung bietet, lassen wirklich keine Wünsche offen.

Und so sitzt man z. B. Freitagmittag nach langem beschwerlichen Marsch durch das doch gar nicht so kleine Reykjavík im Hot Pot des Thermalbades Nauthólsvik und wird von einem netten Isländer mittleren Alters angesprochen, der in Hamburg studiert, in Björks Band Sugarcubes mitgearbeitet hat, am selben Abend mit seinem Mädchenchor auf dem Iceland Airwaves Mugison begleiten wird und dessen Kinder gut mit FM Belfast befreundet sind. Das ist Island: wunderbar.

Aber von Beginn an: Für uns fängt das Festival mit eintägiger Verspätung aufgrund der Erkundung des Snaefellsnes Nationalparks am Donnerstag Nachmittag nach Möhrenkuchen und Milchkaffee in einem entzückenden Kaffee namens C is for Cookie, mit einem Film im Kino Bio Paradis an. Árni Rúnar Hlöðversson lässt in seinem Film “Backyard” befreundete Bands im Hinterhof seines Wohnhauses auftreten. Geschmückt mit Regenschirmen und Lichterketten singen und schreien Múm, FM Belfast, Hjaltalín, Retro Stefson, Sin Fang Bous, Borko und Reykjavík! und geben den perfekten EInsteig in die isländische Musikszene.

Es folgen am selben Abend im Reykjavík Art Museum, der größten Lokalität des Festivals, Hundreds, Amiina und Efterklang. Während Hundreds aus Hamburg mit ihrem Elektro-Pop nicht besonders überzeugen können, sei es aufgrund der Größe des Raumes und der Menge an Leuten oder ihres recht unpersönlichen Auftrittes, erreichen Amiina dies umso mehr. Das bezaubernde Streichquartett aus Island mit zeitweiliger Unterstützung der nachfolgenden Dänen von Efterklang hat sichtlich Spaß am Musikmachen und bezaubert mit Zurückhaltung. Wohingegen Casper Clausen von Efterklang dirigentenartig und exzessiv mit seinem Trommelwerkzeug seine Band anführt und voluminösem Pop zelebriert.

Amiina, Reykjavík Art Museum

Am Freitag ist besonders Toro Y Moi hervorzuheben, der ab kurz vor Mitternacht mit sympatischem Chillwave und warmer Stimme zum Tanzen anregte. Natürlich war auch auch Erased Tapes Records vertreten: Codes In The Cloudes und Olafur Arnalds überzeugen am Samstagabend im Idno mit Post-Rock und elektronisch-klassischem Pop. Im Anschluss daran spielen The Joy Formidable aus England, deren Namen man sich für 2011 unbedingt merken sollte, nach einiger Verspätung lauten Indieartrock im Sódóma.

Auch unser Hostel diente als Off-Venue-Bühne für nicht nur unbekannte, aufstrebende Bands. Ólafur Arnalds, Bombay Bicycle Club, Lockerbie und Alcoholic Faith Mission gaben auch zwischen Kabelage, Luftballons und zusammengequetscht stehenden Menschen ihr Bestes. Wie wundervoll es doch ist, nach einem Nachmittag in der blauen Lagunge mit DJ-Set, Gesichtsmaske und Bier im Hostelzimmer eine Runde zu schlafen, um dann von den Klängen von “My Eyes To See” von Alcoholic Faith Mission geweckt zu werden und schnell in das Café des Hostels zu stürmen und die restlichen Akustikstücke der sympathischsten Band des Festivals anzuhören.

Rave in der blauen Lagune

Einziger Wermutstropfen ist wohl, dass bei besonders beliebten isländischen Bands, wie Seabear oder Hjaltalín, sich schon lange zeit vor deren Auftritt lange Schlangen vor den Clubs bildeten und leider auch nicht kürzer wurden. Sowie, dass der Film “Where Is The Snow” - ein Film über Iceland Airwaves - für Sonntag zwar im Programm stand, der Verantwortliche des Nordic Houses jedoch keine Ahnung davon hatte und so eine Stunde auf den Regisseur gewartet werden musste.

Abschluss dieses dennoch großartigen Wochenendes bildete ein Sonntagabend im Nasa. Nach einem Auftritt des optisch gurumäßig anmutenden Samúel Jón mit Big Band, der leider trotz toller Instrumente etwas langatmig geriet, folgte Dan Deacon - DJ und Animateur inmitten der Masse mit DJ-Pult und Tanzwettbewerb, der prompt vor lauter Euphorie seine Brille verlor. Absoluter Höhepunkt war allerdings das Familientreffen von FM Belfast mit diversen Mitgliedern anderer isländischer Bands wie Borko, Seabear, Retro Stefson, Múm, etc. Dieses Jahr in Deutschland sowieso grenzenlos gehypt, brachte die Band den Boden des Nasa nicht nur bei Liedern wie  “Par Avion” zum Beben. Bei “Underwear” joggte das gesamte Publikum - fast alle Jungs mit runtergelassenen Hosen - auf der Stelle in einen Konfettiregen hinein. Als dann auch noch “Eins zwei Polizei” (Mo-Do) von Árni Vilhjálmsson angesungen und im Anschluss an den furiosen Partyauftritt Dan Deacaons Brille gefunden und abgegeben wurde, waren alle restlos begeistert.

Also dann bis spätestens nächstes Jahr in der dritten Oktoberwoche, wundervolles Island. Wir kommen wieder - par avion, par avion.

Iceland Airwaves ‘10 13.-17.10.2010 - Reykjavík

U. a. mit Alcoholic Faith Mission, Amiina, Bombay Bicycle Club, Borko, Codes In The Clouds, Dan Deacon, Efterklang, FM Belfast, HjaltalínHundreds, Hurts, Lockerbie, Mugison, Ólafur Arnalds, Retro Stefson, Reykjavík!, Robyn, Seabear, Sin Fang, The Joy Formidable, Toro Y Moi

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