Wir sind in Reykjavík. Downtown. Wir haben es geschafft. Nach einigem Hin und Her, Mehr-oder-weniger-Katastrophen und einem Flug von nicht einmal vier Stunden sind wir in Island angekommen. Endlich.
Wir werden mit einem kleinen roten Auto umherfahren, Vulkane, Geysire und Wasserfälle sehen, bei 8 °C Lufttemperatur im Hot Pot sitzen, Elfenkirchen bestaunen, an dem Punkt wo Jules Vernes „Die Reise zum Mittelpunkt der Erde“ beginnt, einfach vorüberfahren, in unmittelbarer Nähe zum Eyjafjallajökull schlafen, völlig verschrumpelt von der hohen Salzkonzentration in der blauen Lagune baden, unter mannigfarbigen Regenbögen hindurchfahren, und die ganze Zeit versuchen, durch siebenmaliges Hinsehen die unglaubliche Natur wenigstens etwas in unserer Erinnerung festzuhalten.

- Gletscher am Jokulsárlón
Und wir werden Iceland Airwaves besuchen. Tatsächlich. Laut Rolling Stone “The hippest long weekend on the annual music-festival calendar”. Und wir sind hier. Für fünf Tage werden die Clubs, Museen, Bars, Kinos, Plattenläden und Schwimmbäder Reykjavíks unser Zuhause sein. Hinzukommen sämtliche Hostels, Bücherläden und sonstwie noch nicht mit dem regulären Programm belegte Kinos und Bars als Off-Venue-Lokalitäten.
Iceland Airwaves gibt es seit 1999. Ursprünglich am Stadtflughafen von Reykjavík beheimatet, findet es nun in Reykjavíks Innenstadt und umzu statt. Seit 2007 in allen Folgejahren ausverkauft, ist Iceland Airwaves trotz Hipster-Charakter ein herrlich gemütliches und stressfreies Festival.
Geschlafen wird in einem der Hostels oder anderen Gästehäuser in der Stadt, gegessen in den befreundeten Imbissen oder Restaurants des Festivals (mit Rabatt versteht sich) und getrunken entweder gar nicht (aufgrund des Alkoholpreises) oder ausgiebig in den Clubs und Bars bis die Kreditkarte brennt (das Phänomen der reservierten und anständigen Skandinavier, die sich bei gegebener Gelegenheit komplett die Kante geben, wird auch in Island bestätigt).
Das, was Iceland Airwaves ausmacht, sind die kurzen Wege, musikalische Neuentdeckungen und Bestätigungen, bezaubernde Isländer, die sich alle Mühe geben, ein unvergessliches Wochenende zu gestalten, teures Bier und das Gefühl einer Art Wochenendfamilie anzugehören. Bei Konzerten neben Künstlern einer anderen Band im Publikum zu stehen, kein schlechtes Gewissen zu haben, weil es sich bei allen Bands lohnt sie anzuhören, Ampel-Smileys und ein heiß ersehntes Frittierauto, das mitten in der Nacht einfach da steht und auch noch die Möglichkeit der Kreditkartenzahlung bietet, lassen wirklich keine Wünsche offen.
Und so sitzt man z. B. Freitagmittag nach langem beschwerlichen Marsch durch das doch gar nicht so kleine Reykjavík im Hot Pot des Thermalbades Nauthólsvik und wird von einem netten Isländer mittleren Alters angesprochen, der in Hamburg studiert, in Björks Band Sugarcubes mitgearbeitet hat, am selben Abend mit seinem Mädchenchor auf dem Iceland Airwaves Mugison begleiten wird und dessen Kinder gut mit FM Belfast befreundet sind. Das ist Island: wunderbar.
Aber von Beginn an: Für uns fängt das Festival mit eintägiger Verspätung aufgrund der Erkundung des Snaefellsnes Nationalparks am Donnerstag Nachmittag nach Möhrenkuchen und Milchkaffee in einem entzückenden Kaffee namens C is for Cookie, mit einem Film im Kino Bio Paradis an. Árni Rúnar Hlöðversson lässt in seinem Film “Backyard” befreundete Bands im Hinterhof seines Wohnhauses auftreten. Geschmückt mit Regenschirmen und Lichterketten singen und schreien Múm, FM Belfast, Hjaltalín, Retro Stefson, Sin Fang Bous, Borko und Reykjavík! und geben den perfekten EInsteig in die isländische Musikszene.
Es folgen am selben Abend im Reykjavík Art Museum, der größten Lokalität des Festivals, Hundreds, Amiina und Efterklang. Während Hundreds aus Hamburg mit ihrem Elektro-Pop nicht besonders überzeugen können, sei es aufgrund der Größe des Raumes und der Menge an Leuten oder ihres recht unpersönlichen Auftrittes, erreichen Amiina dies umso mehr. Das bezaubernde Streichquartett aus Island mit zeitweiliger Unterstützung der nachfolgenden Dänen von Efterklang hat sichtlich Spaß am Musikmachen und bezaubert mit Zurückhaltung. Wohingegen Casper Clausen von Efterklang dirigentenartig und exzessiv mit seinem Trommelwerkzeug seine Band anführt und voluminösem Pop zelebriert.

- Amiina, Reykjavík Art Museum
Am Freitag ist besonders Toro Y Moi hervorzuheben, der ab kurz vor Mitternacht mit sympatischem Chillwave und warmer Stimme zum Tanzen anregte. Natürlich war auch auch Erased Tapes Records vertreten: Codes In The Cloudes und Olafur Arnalds überzeugen am Samstagabend im Idno mit Post-Rock und elektronisch-klassischem Pop. Im Anschluss daran spielen The Joy Formidable aus England, deren Namen man sich für 2011 unbedingt merken sollte, nach einiger Verspätung lauten Indieartrock im Sódóma.
Auch unser Hostel diente als Off-Venue-Bühne für nicht nur unbekannte, aufstrebende Bands. Ólafur Arnalds, Bombay Bicycle Club, Lockerbie und Alcoholic Faith Mission gaben auch zwischen Kabelage, Luftballons und zusammengequetscht stehenden Menschen ihr Bestes. Wie wundervoll es doch ist, nach einem Nachmittag in der blauen Lagunge mit DJ-Set, Gesichtsmaske und Bier im Hostelzimmer eine Runde zu schlafen, um dann von den Klängen von “My Eyes To See” von Alcoholic Faith Mission geweckt zu werden und schnell in das Café des Hostels zu stürmen und die restlichen Akustikstücke der sympathischsten Band des Festivals anzuhören.

- Rave in der blauen Lagune
Einziger Wermutstropfen ist wohl, dass bei besonders beliebten isländischen Bands, wie Seabear oder Hjaltalín, sich schon lange zeit vor deren Auftritt lange Schlangen vor den Clubs bildeten und leider auch nicht kürzer wurden. Sowie, dass der Film “Where Is The Snow” - ein Film über Iceland Airwaves - für Sonntag zwar im Programm stand, der Verantwortliche des Nordic Houses jedoch keine Ahnung davon hatte und so eine Stunde auf den Regisseur gewartet werden musste.
Abschluss dieses dennoch großartigen Wochenendes bildete ein Sonntagabend im Nasa. Nach einem Auftritt des optisch gurumäßig anmutenden Samúel Jón mit Big Band, der leider trotz toller Instrumente etwas langatmig geriet, folgte Dan Deacon - DJ und Animateur inmitten der Masse mit DJ-Pult und Tanzwettbewerb, der prompt vor lauter Euphorie seine Brille verlor. Absoluter Höhepunkt war allerdings das Familientreffen von FM Belfast mit diversen Mitgliedern anderer isländischer Bands wie Borko, Seabear, Retro Stefson, Múm, etc. Dieses Jahr in Deutschland sowieso grenzenlos gehypt, brachte die Band den Boden des Nasa nicht nur bei Liedern wie “Par Avion” zum Beben. Bei “Underwear” joggte das gesamte Publikum - fast alle Jungs mit runtergelassenen Hosen - auf der Stelle in einen Konfettiregen hinein. Als dann auch noch “Eins zwei Polizei” (Mo-Do) von Árni Vilhjálmsson angesungen und im Anschluss an den furiosen Partyauftritt Dan Deacaons Brille gefunden und abgegeben wurde, waren alle restlos begeistert.
Also dann bis spätestens nächstes Jahr in der dritten Oktoberwoche, wundervolles Island. Wir kommen wieder - par avion, par avion.
Iceland Airwaves ‘10 13.-17.10.2010 - Reykjavík
U. a. mit Alcoholic Faith Mission, Amiina, Bombay Bicycle Club, Borko, Codes In The Clouds, Dan Deacon, Efterklang, FM Belfast, Hjaltalín, Hundreds, Hurts, Lockerbie, Mugison, Ólafur Arnalds, Retro Stefson, Reykjavík!, Robyn, Seabear, Sin Fang, The Joy Formidable, Toro Y Moi